Auszug aus einem Interview von Barbara Sommerhoff mit Prof. Andreas Suchanik in der SZ (15.04.2009)
Faires Feedback
Leistungsbeurteilung
Ohne Respekt ist jede Mitarbeiterbewertung kontraproduktiv: Unternehmensethiker Andreas Suchanek erklärt, warum Sozialkompetenz für die Beurteilung von Menschen so wichtig ist.
Wer andere Menschen beurteilt, muss über Sozialkompetenz verfügen, sagt der Leipziger Wirtschafts- und Unternehmensethiker Andreas Suchanek. Das bedeutet: dem anderen mit Respekt und Fairness zu begegnen, ihm Vertrauen zu schenken und bereit zu sein, Verantwortung zu übernehmen. Ein Beurteilungsverfahren, das auf ethischen Werten basiert, trage sogar zur Wertsteigerung des Unternehmens bei.
SZ: Nicht alle Mitarbeiter begrüßen die regelmäßige, formale Bewertung ihrer Leistung. Können solche Verfahren der Unternehmenskultur schaden?
Suchanek: Wie immer sagt der Wissenschaftler: Es kommt darauf an. Es macht einen großen Unterschied, ob ich ein solches Verfahren in einer ethisch gehaltvollen Form mache, das heißt, ob ich dabei Grundwerte wie Respekt, Fairness, Vertrauen und Verantwortung berücksichtige. Dann ist die Beurteilung ein sehr wertvolles Instrument der Unternehmenskultur. Umgekehrt: Wenn es an diesen Grundwerten fehlt, dann ist das desaströs für die Unternehmenskultur.
SZ: Kennen Sie ein Rezept, wie man es richtig macht?
Suchanek: Darin liegt eine große Herausforderung. Nehmen Sie als Beispiel Respekt. Jeder Mensch weiß, dass er gern von anderen respektiert wird. Und jeder Führungskraft ist klar, dass es wichtig ist, den Mitarbeiter zu respektieren. Es fehlt also nicht das Wissen, sondern im Alltag besteht oft das ganz simple Problem, dass daran nicht gedacht wird. Oder dass man es wegen Zeitmangel oder Druck von der nächsthöheren Hierarchieebene schlicht vergisst. Deshalb muss man organisieren, daran zu denken. Im Beurteilungsverfahren sollte der Vorgesetzte beispielsweise daran denken, sich beim Mitarbeiter für die geleistete Arbeit zu bedanken. Oder wenn die Leistung nicht so gut war, zunächst fragen, woran es lag. Und deutlich machen, dass er den Mitarbeiter deshalb als Person nicht weniger respektiert.
SZ: Es ist heikel, Verhalten zu bewerten. Sollten besser nur die messbaren Leistungen bewertet werden?
Suchanek: Nein, das denke ich nicht. Gerade weichen Faktoren sind für die Unternehmenskultur sehr wichtig. Es ist richtig, dass bei ihrer Beurteilung der Nasenfaktor, also persönliche Sympathie, eine größere Rolle spielt oder es einfach unbewusste Wahrnehmungsverzerrungen geben kann. Eine Führungskraft muss lernen, damit umzugehen.
SZ: Klingt gut. Trotzdem steht der Mitarbeiter in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Vorgesetzten. Was ist, wenn der auf Fairness keinen großen Wert legt?
Suchanek: Die Tatsache, dass Abhängigkeitsverhältnisse ein Problem schaffen können, muss bei der Mitarbeiterbeurteilung berücksichtigt werden. Eine Möglichkeit ist das Mehr-Augen-Prinzip, bei dem der Mitarbeiter nicht nur vom Vorgesetzten, sondern außerdem von Projektleitern und Kollegen beurteilt wird. Eine weitere ist die Beurteilung der Führungskräfte durch die Mitarbeiter, also die sogenannte Bottom up- oder auch 360-Grad-Beurteilung. Wenn dabei bekannt wird, dass Führungskräfte ihre Machtposition auf unangenehme Weise ausspielen, muss man Korrekturmaßnahmen treffen.
Definitionen und Erläuterungen zu im Text angesprochenen Themen und Begriffen finden Sie im QET-Lexikon u. a. unter: … Führungskompetenzen … Soziale Kompetenzen …